Spring!

Wie man irgendwann wieder zur Besinnung kommt. Wie man merkt: Ich lebe noch. Und gar nicht mal schlecht. Wie man trotzdem immer wieder abstürzt, zweifelt, Erinnerungen abschütteln muss. Noch nicht, jetzt noch nicht dran denken. Das ist, als würde man zu schnell wieder versuchen aufzutreten, nachdem man sich den Knöchel verstaucht hat. Erst denkt man, es geht. Man freut sich, das fühlt sich doch okay an. Dann merkt man, wie es zwiebelt. Sofort setzt man sich. Aber jetzt ist es zu spät, jetzt ist der Schmerz da und geht so schnell nicht weg.

Überhaupt: Gefühle. Acht Jahre lang auf einer (meist) bequemen Luftmatratze im Swimmingpool, nun plötzlich mit dem Floß mitten im Atlantik. Dem Wetter ausgeliefert. Es stürmt, die Wellen schlagen über einem zusammen, man klammert sich verzweifelt fest. Dann wieder Sonnenschein. Und der fühlt sich so viel besser an, wenn er nicht selbstverständlich ist. Eine Achterbahnfahrt, dieses Leben. So intensiv wie lange nicht mehr.

Meinen 30. Geburtstag hatte ich mir anders vorgestellt. Gesetzter. Stattdessen: Exzess. Schweiß, Bier, Tränen, Blut, Lachen, Schläge, Küsse.

Es hätte nicht besser sein können.

6.6.11 19:07, kommentieren

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Mann mit Buch

Er ist etwa Mitte 40. Hat eine Halbglatze. Und was übrig ist, ist schütter. Trägt eine randlose Brille mit Goldbügeln. Ein graumeliertes Jackett, das ihn kantig macht. Steile Denkfalten auf der hohen Stirn, während er ein Buch liest. Das Buch hat einen dunklen, festen Einband. Wahrscheinlich hat er den Umschlag abgemacht, damit er nicht kaputt geht. Sicher ist es irgendetwas aus der Spiegel-Bestsellerliste, was er liest.

Oder er versteckt einen Arztroman in dem unscheinbaren Einband.

"Zitternd schlang sie ihre zarten Arme um seinen muskulösen Oberkörper und schmiegte ihr Gesicht an seine starke Brust."

Der Gedanke gefällt mir.

7.1.10 21:27, kommentieren

Keine Menschen, bitte!

Ganz schlimm: Abends im Zug sitzen, wenn man eigentlich lieber allein wäre. Was abends, nach einem Tag voller Reden, Schreiben, Lächeln, Smalltalk, oft der Fall ist. Dann wird die nett aussehende ältere Dame, die mich neugierig mustert, zur bösartig, verächtlich starrenden alten Krähe.

Ich rutsche tiefer in meinen Sitz, doch jetzt beobachtet sie mein Spiegelbild im Fenster. Und sie tuschelt mit ihrem Mann. Wahrscheinlich, nein, ganz bestimmt über mich!

An solchen Abenden ist es gut, die Wohnungstür hinter sich zuzuziehen. Puh.

1 Kommentar 7.1.10 21:09, kommentieren

Glück

Das Gefährt sieht aus wie eine selbstgebaute Rikscha. Sie haben beide Platz darauf. Sie vorn, er hinten. Er strampelt, sie sitzt entspannt, hält ihr leicht gebräuntes Gesicht in die untergehende Sonne, lächelt. Die Radkappen ihres Rollstuhls hat sie in bunten Farben bemalt.

21.8.09 19:42, kommentieren

Flüstern im Zug

Ich fahre jeden Tag zwei Mal mit dem Zug. Die Fahrt dauert jeweils 20 Minuten. Viel zu kurz, finde ich.  Das Zugfahren zwingt mich, die ich ständig in Bewegung bin, zum Stillstand. Auf diesen muffigen, mit schwarz-krustigem Kaugummi verzierten Sitzen hält nicht nur mein Körper still, sondern auch mein Geist. Oft sitze ich einfach da. Schaue aus der schlierigen Scheibe, an die noch eine halbe Stunde früher die besabberte Hand eines Kleinkindes tatschte, "Opa, da!", und genieße die vertraute Abfolge von Grüntönen.

Auf dem Weg zur Arbeit ist der Zug meist ziemlich leer. Ich beginne zu einer Zeit mit der Arbeit, da machen die ersten schon wieder Mittagspause.

Aber abends, da ist der Regionalexpress voller Menschen - Menschen, die von der Arbeit kommen, jugendliche Shopper, müde Mütter mit gelangweilten Kindern, schweigsame Männer und Frauen.

Und dann war da neulich das flüsternde Paar. Mitte 70, sehr gepflegt, mit kleinen, grauen Einkaufstüten. Die Frau hatte einen dieser winzigen, ledernen Rucksäcke. Sie hatten einen Regenschirm dabei, grau-braun-rot kariert. Vielleicht flüstern sie ja, weil sie etwas Geheimes besprechen, dachte ich. Vielleicht "Gerda, hast du heute einen Schlüpfer an, oder hast du ihn wieder vergessen?" oder "Heinz, dir hängt da ein Riesenpopel aus dem Zinken".

Sie betraten den Zug, schlichen durch den Gang, wählten einen Zweierplatz aus und stapelten Tüten, Rucksack und Schirm auf den zwei Sitzen vor sich. Und die ganze Zeit über flüsterten sie. Auch die ganze Fahrt über.

Als säßen sie nicht in einem ratternden Zug. Als lungerten nicht zwei Reihen hinter ihnen Fastfood essende, zwölfjährige Mädchen, die einen schnauzbärtigen 50-Jährigen leise als "Kinderf***er" titulierten, der es gewagt hatte, in ihre Richtung zu lächeln. Als gäbe es da nicht diesen 20-jährigen, schmächtigen Sonnenbrillenträger, der die gesamte Fahrt über seine Oma beschimpfte - eine manierlich gekleidete alte Dame im Blümchenkleid, ein weißer Strohhut keck auf dem Kopf drapiert, die wohl leider etwas gutgläubig mit ihren EC-Kartendaten umgegangen war, weshalb ihr Enkel nun alle paar Minuten ein "Gott, bist du bescheuert" in ihre Richtung schleuderte.

Als säßen sie in einer Kathedrale.

1 Kommentar 19.8.09 14:21, kommentieren

Heute im Bahnhof

Nachts ist der Bahnhof ein völlig anderer Ort als tagsüber. Gut, die Punks sind den ganzen Tag da, nur sind sie nachts breiter. Es herrscht keine geschäftige Hektik. Es herrscht Ruhe. Nur ein paar Übriggebliebene schlurfen durch die Osthalle.

Ich mag auch die Menschen, die nachts im Bahnhof arbeiten. Zum Beispiel der Mann, der mit seinem kleinen gelben Elektrowagen durch die Gänge fährt, das den Dreck wegmacht, den wir tagsüber hineingetrampelt haben. Es hat sogar ein Blaulicht - nur, dass es nicht blau ist, sondern orange. Aber es blinkt. Immerhin.

Wenn ich ein kleiner Junge wäre, würde ich den Mann wohl um seinen Job beneiden. Ich meine, hey: Das ist fast wie Autoscooter fahren. Nur ohne andere Autos, die dich anrempeln. Hm.

Alle paar Meter (der gelbe Elektrowagen fährt auch deutlich langsamer als ein Autoscooter) dreht er sich um. Er guckt, ob sein Kollege noch hinterherkommt. Ein älterer Mann mit Knollennase, der mit gesenktem Kopf hinter ihm hertrottet, einen Besen in der Hand. Wahrscheinlich muss er wegmachen, was der kleine gelbe Elektrowagen übrig lässt.

Ich frage mich: Sind die Aufgaben klar verteilt? Steht im Vertrag des einen Mannes: Fährt den kleinen gelben Elektrowagen? Und in dem des anderen: Trottet teilnahmslos hinterher? Oder losen die beiden jeden Abend vor Dienstantritt?

Es sieht so aus, als würde der Mann mit der Knollennase oft verlieren.

2 Kommentare 8.7.09 23:02, kommentieren