Flüstern im Zug

Ich fahre jeden Tag zwei Mal mit dem Zug. Die Fahrt dauert jeweils 20 Minuten. Viel zu kurz, finde ich.  Das Zugfahren zwingt mich, die ich ständig in Bewegung bin, zum Stillstand. Auf diesen muffigen, mit schwarz-krustigem Kaugummi verzierten Sitzen hält nicht nur mein Körper still, sondern auch mein Geist. Oft sitze ich einfach da. Schaue aus der schlierigen Scheibe, an die noch eine halbe Stunde früher die besabberte Hand eines Kleinkindes tatschte, "Opa, da!", und genieße die vertraute Abfolge von Grüntönen.

Auf dem Weg zur Arbeit ist der Zug meist ziemlich leer. Ich beginne zu einer Zeit mit der Arbeit, da machen die ersten schon wieder Mittagspause.

Aber abends, da ist der Regionalexpress voller Menschen - Menschen, die von der Arbeit kommen, jugendliche Shopper, müde Mütter mit gelangweilten Kindern, schweigsame Männer und Frauen.

Und dann war da neulich das flüsternde Paar. Mitte 70, sehr gepflegt, mit kleinen, grauen Einkaufstüten. Die Frau hatte einen dieser winzigen, ledernen Rucksäcke. Sie hatten einen Regenschirm dabei, grau-braun-rot kariert. Vielleicht flüstern sie ja, weil sie etwas Geheimes besprechen, dachte ich. Vielleicht "Gerda, hast du heute einen Schlüpfer an, oder hast du ihn wieder vergessen?" oder "Heinz, dir hängt da ein Riesenpopel aus dem Zinken".

Sie betraten den Zug, schlichen durch den Gang, wählten einen Zweierplatz aus und stapelten Tüten, Rucksack und Schirm auf den zwei Sitzen vor sich. Und die ganze Zeit über flüsterten sie. Auch die ganze Fahrt über.

Als säßen sie nicht in einem ratternden Zug. Als lungerten nicht zwei Reihen hinter ihnen Fastfood essende, zwölfjährige Mädchen, die einen schnauzbärtigen 50-Jährigen leise als "Kinderf***er" titulierten, der es gewagt hatte, in ihre Richtung zu lächeln. Als gäbe es da nicht diesen 20-jährigen, schmächtigen Sonnenbrillenträger, der die gesamte Fahrt über seine Oma beschimpfte - eine manierlich gekleidete alte Dame im Blümchenkleid, ein weißer Strohhut keck auf dem Kopf drapiert, die wohl leider etwas gutgläubig mit ihren EC-Kartendaten umgegangen war, weshalb ihr Enkel nun alle paar Minuten ein "Gott, bist du bescheuert" in ihre Richtung schleuderte.

Als säßen sie in einer Kathedrale.

19.8.09 14:21

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen